Menü

PodcastRaus aus der Anpassung, rein in die Selbstfürsorge

Freitagabend, 19:30 Uhr. Dein Telefon klingelt.

Eine Kollegin fragt, ob du am Wochenende noch schnell eine Präsentation übernehmen kannst. Dein erster Impuls: „Ja, klar.“ Dein Körper sagt etwas anderes. Schultern hochgezogen, Kiefer angespannt, ein flaues Gefühl im Magen. Aber du sagst trotzdem Ja. Wieder mal.

Wenn dir das bekannt vorkommt – wenn du das Gefühl hast, ständig zu funktionieren, allen gerecht zu werden und dabei irgendwie dich selbst zu verlieren – dann ist dieser Beitrag für dich. Denn hinter diesem automatischen „Ja“ steckt mehr, als du vielleicht denkst. Und es gibt einen Weg raus, der weder egoistisch noch kompliziert ist.

Das nimmst du mit:

  • Warum dein automatisches „Ja“ eine Stressreaktion ist – kein Charakterfehler
  • Was der „Funktionsmodus“ mit deinem Körper und deiner Gesundheit macht
  • Warum Grenzen setzen deine Beziehungen stärkt, nicht schwächt
  • Die Reaktionspause – ein einfaches Alltagstool, das sofort wirkt
  • Warum Selbstmitgefühl der Schlüssel zum Raus-aus-der-Anpassung ist
  • Wie du Kindheits-Glaubenssätze erkennst und sanft auflösen kannst

Der Funktionsmodus: Wenn „stark sein“ zur Falle wird

Du organisierst den Familienalltag, rockst deinen Job, kümmerst dich um die Partnerschaft – und irgendwann merkst du: Du weißt gar nicht mehr, was du eigentlich brauchst. Dieses Gefühl kennt auch Laureen Süß, Wirtschaftspsychologin und systemische Beraterin. In der aktuellen Endlich Leicht Podcastfolge erzählt sie offen: „Ich begleite als psychologische Beraterin Frauen dabei, besser mit Belastungen umzugehen. Und dann wurde ich selbst Mutter – und bin genau in diesen Funktionsmodus reingerutscht.“

Das Tückische daran: Der Funktionsmodus fühlt sich anfangs gar nicht falsch an. Du machst einfach weiter. Erledigst. Funktionierst. Die Erschöpfung ist diffus – „Liegt bestimmt an der Arbeit“, denkst du. Aber eigentlich liegt es daran, dass du den Kontakt zu dir selbst verloren hast.

Anzeichen, dass du im Funktionsmodus steckst:

Anzeichen Was es bedeutet
Innere Erschöpfung ohne klaren Grund Du verbrauchst Energie für die Bedürfnisse anderer, nicht für deine
Du weißt nicht mehr, was dir guttut Die Verbindung zu deinen eigenen Wünschen ist unterbrochen
Auf „Wie geht’s dir?“ antwortest du „Gut“ – automatisch Du hast lange nicht mehr wirklich in dich reingehört
Angespanntheit, Schlafprobleme, Stressessen Dein Körper sendet Signale, die dein Kopf ignoriert
Du sagst automatisch Ja – auch wenn du Nein meinst Der Anpassungsreflex übernimmt die Steuerung

People Pleasing: Keine Nettigkeit, sondern eine Stressreaktion

Hier kommt die gute Nachricht – und gleichzeitig die, die erst mal weh tun kann: Dein automatisches Ja-Sagen ist keine Willensschwäche. Es ist eine tief verankerte Stressreaktion.

Die Forschung zeigt: People Pleasing gehört zur sogenannten Fawn Response – einer Unterwerfungsreaktion bei erlebter Bedrohung. Ähnlich wie Kampf, Flucht oder Erstarren reagiert der Körper bei drohender Ablehnung mit Anpassung. Die Amygdala – dein Angstzentrum im Gehirn – signalisiert: „Gefahr! Wenn du Nein sagst, verlierst du Zugehörigkeit.“ In der Folge hemmt sie den präfrontalen Kortex, also genau den Teil deines Gehirns, der rational abwägen könnte, ob ein Nein wirklich so schlimm wäre (Biolife Health Center, 2025).

Nicht weil du schwach bist. Sondern weil dein Gehirn dich schützen will.

Und diese Reaktion hat oft tiefe Wurzeln: „Man lernt schon früh: Wer selbstlos ist, der wird gemocht“, erklärt Laureen im Podcast. „Das sind Glaubenssätze, die ganz früh verankert werden.“ In der Kindheit war Anpassung vielleicht eine Überlebensstrategie – wenn du brav warst, warst du sicher. Im Erwachsenenleben wird dieselbe Strategie zur Belastung.

Die Langzeitfolgen können gravierend sein: Studien zeigen einen direkten Zusammenhang zwischen chronischem People Pleasing und Burnout, emotionaler Erschöpfung und somatischen Beschwerden – weil eigene Bedürfnisse dauerhaft unterdrückt werden (MDPI, 2024).


„Aber ist Grenzen setzen nicht egoistisch?“

Diese Frage tragen so viele Frauen in sich. Auch Fabienne teilt im Podcast: „Meine größte Erkenntnis war, dass es nicht egoistisch ist, für mich einzustehen – sondern ein Akt der Selbstliebe.“

Der Schuldreflex beim Grenzen setzen ist real. Laureen erklärt, woher er kommt: „Dieses Schuldgefühl entsteht, weil das Gehirn das Risiko sieht, die Zugehörigkeit zu verlieren. Es ist ein uralter Schutzmechanismus.“ Und genau deshalb fühlt sich ein Nein oft so bedrohlich an – auch wenn es das rational gar nicht ist.

Aber hier ist der Perspektivwechsel, der alles verändert: Grenzen schaffen Nähe.

Klingt paradox? Laureen bringt es auf den Punkt: „Wenn ich dir sage, wie es funktionieren kann, heißt das, ich will mit dir in Verbindung bleiben.“ Wer seine Grenzen kommuniziert, gibt dem Gegenüber Orientierung. Das Ergebnis: Weniger Groll, mehr Ehrlichkeit, tiefere Beziehungen.

Die Mayo Clinic bestätigt: Klare Grenzen senken nachweislich Stress und Angst. Ein Nein nach außen ist oft ein Ja zur eigenen Gesundheit (Mayo Clinic, 2023).

Ein Beispiel aus dem Podcast, das das greifbar macht: Laureen erzählt, wie sich Grenzen setzen in Partnerschaften auswirken kann. Wenn du jahrelang alles mitträgst, ohne zu sagen, was du brauchst, entsteht irgendwann ein leiser Groll – und dein Partner merkt es nicht einmal. Nicht aus Bösartigkeit, sondern weil er nie erfahren hat, wo deine Grenze liegt. „Die meisten reagieren erleichtert“, sagt Laureen, „weil sie endlich wissen, woran sie sind.“ Grenzen geben deinem Gegenüber die Chance, dich wirklich zu sehen – statt eine Version von dir, die nur noch funktioniert. Das ist keine Konfrontation. Das ist eine Einladung zu echter Verbindung.


Die Reaktionspause – dein einfachstes Werkzeug

Jetzt wird es praktisch. Denn eine der wirksamsten Strategien ist verblüffend simpel:

Die Reaktionspause.

Laureen beschreibt es im Podcast so: „Wenn jemand dich um etwas bittet, sage einfach: ‚Ich schau mal, ob das zeitlich passt.‘ Das ist keine Ablehnung, kein Nein – es ist nur ein ‚Ich check das kurz.'“

Was in diesem Moment passiert, ist neurobiologisch enorm: Du unterbrichst den automatischen Ja-Sage-Impuls. Du schaffst einen Raum zwischen Reiz und Reaktion – einen Raum, in dem du bewusst entscheiden kannst, statt aus dem Autopiloten heraus zu handeln.

So setzt du die Reaktionspause um:

  1. Jemand bittet dich um etwas → Dein Impuls ist „Ja, klar“
  2. Stattdessen sagst du: „Ich schau mal, ob das zeitlich passt“ oder „Kann ich kurz drüber nachdenken?“
  3. Du gehst kurz aus der Situation – auch wenn es nur eine Minute ist
  4. Du checkst bei dir ein: Wie geht es mir gerade? Wie voll ist mein Teller? Will ich das – oder spricht da ein Glaubenssatz?
  5. Du antwortest bewusst – egal ob Ja oder Nein

Das Schöne: Selbst wenn du danach Ja sagst, hast du es bewusst getan. Du bist nicht mehr automatisch über deine eigenen Bedürfnisse hinweggegangen.

Fabienne bestätigt aus eigener Erfahrung: „Ich habe angefangen, die Frage zu stellen: ‚Kann ich darüber nachdenken?‘ Und siehe da – niemand hat sich auf den Schlips getreten gefühlt. Die Antwort war: ‚Ja, ja, klar.'“


Selbstmitgefühl: Der unterschätzte Gamechanger

Grenzen setzen ist der äußere Schritt. Der innere heißt: Selbstmitgefühl.

Laureen erklärt es so: „Wenn eine Freundin erschöpft ist, sagen wir nicht ‚Reiß dich zusammen.‘ Wir nehmen sie in den Arm und sagen: ‚Gönn dir eine Pause.‘ Aber genau dieses ‚Reiß dich zusammen‘ ist das Erste, was in unserem eigenen Kopf aufploppt.“

Die Psychologin Dr. Kristin Neff hat Selbstmitgefühl wissenschaftlich in drei Säulen unterteilt:

  1. Selbstfreundlichkeit – Mit dir selbst sprechen wie mit einer guten Freundin, statt dich zu verurteilen
  2. Gemeinsames Menschsein – Wissen, dass du mit deinen Struggles nicht allein bist
  3. Achtsamkeit – Gefühle wahrnehmen, ohne dich darin zu verlieren

Die physiologische Wirkung ist messbar: Selbstmitgefühl senkt nachweislich den Cortisolspiegel und aktiviert das parasympathische Nervensystem – also dein körpereigenes Beruhigungssystem. Anders als Selbstwertgefühl, das oft leistungsabhängig ist, wirkt Selbstmitgefühl bedingungslos (Neff, 2009 – NIH).

Und – das ist vielleicht das Wichtigste: Selbstmitgefühl ist trainierbar. Es ist keine Eigenschaft, mit der man geboren wird. Es ist eine Fähigkeit, die du Schritt für Schritt aufbauen kannst (Self-Compassion Academy, 2025).

Deine Mini-Übung für heute:

Wenn du das nächste Mal merkst, dass du dich für etwas verurteilst – für das Ja-Sagen, für die Erschöpfung, für das Stressessen –, halte kurz inne und frage dich:

Was würde ich jetzt zu meiner besten Freundin sagen?

Und dann sag genau das zu dir selbst.


Es ist nie zu spät, dich selbst kennenzulernen

Vielleicht denkst du jetzt: „Das klingt alles schön, aber ich bin 50 – kann ich das überhaupt noch ändern?“ Die klare Antwort: Ja. In jedem Alter.

Laureen bringt es wunderbar auf den Punkt: „Grenzen setzen fängt nicht beim Nein an, sondern beim Wahrnehmen.“ Wahrnehmen, was in dir passiert. Wahrnehmen, was dein Körper dir sagt. Wahrnehmen, welche Glaubenssätze im Hintergrund laufen.

Was dabei hilft: Erwarte nicht, dass es sich sofort leicht anfühlt. Das erste Mal „Nein“ fühlt sich vielleicht an wie ein kleiner Verrat – an dem Bild, das andere von dir haben, und an dem Bild, das du von dir selbst hast. Aber genau in diesem Unbehagen passiert Wachstum. Dein Nervensystem lernt: Es passiert nichts Schlimmes, wenn ich für mich einstehe. Und beim nächsten Mal wird es ein kleines bisschen leichter.

Und dann – Schritt für Schritt, liebevoll und ohne Druck – die Erlaubnis geben, dich selbst genauso wichtig zu nehmen wie alle anderen.

Nimm dir eine Sache aus diesem Beitrag mit. Vielleicht ist es die Reaktionspause. Vielleicht die Frage: „Würde ich das zu meiner Freundin sagen?“ Vielleicht einfach die Erkenntnis: Es ist kein Egoismus, für mich einzustehen. Es ist Selbstfürsorge.

🎧 Hör-Tipp: In der aktuellen Endlich Leicht Podcastfolge mit Laureen Süß geht es noch tiefer – mit persönlichen Geschichten, konkreten Alltagsbeispielen und der Frage, wie Grenzen setzen deine Partnerschaft sogar verbessern kann. Reinhören lohnt sich besonders, wenn du dich im „Funktionsmodus“ wiedererkennst.


FAQ: Grenzen setzen & Selbstmitgefühl

Ist Grenzen setzen wirklich nicht egoistisch? Nein. Grenzen setzen ist ein Akt der Selbstfürsorge – und sogar gut für deine Beziehungen. Wer seine Grenzen kommuniziert, gibt dem Gegenüber Orientierung und ermöglicht echte Nähe statt aufgestauten Groll.

Was ist der Funktionsmodus genau? Der Funktionsmodus beschreibt einen Zustand, in dem du automatisch „weiter machst“, ohne bei dir selbst einzuchecken. Du erfüllst Erwartungen, organisierst, arbeitest – aber verlierst dabei die Verbindung zu deinen eigenen Bedürfnissen.

Wie merke ich, dass ich zu sehr angepasst bin? Typische Anzeichen sind: diffuse Erschöpfung, Schlafprobleme, Stressessen, das Gefühl, nicht zu wissen, was du eigentlich willst, und auf die Frage „Wie geht’s dir?“ keine ehrliche Antwort zu haben.

Was ist die Reaktionspause? Ein einfaches Alltagstool: Statt automatisch Ja zu sagen, antwortest du mit „Ich schau mal, ob das zeitlich passt.“ Das gibt dir Raum, bewusst zu entscheiden statt aus dem Autopiloten heraus zu handeln.

Wie fange ich an, wenn mir alles zu viel vorkommt? Fang klein an: Nimm dir eine Situation in der Woche vor, in der du die Reaktionspause übst. Das kann im Job sein, in der Familie, unter Freunden. Es geht nicht um Perfektion, sondern um bewusstes Wahrnehmen.

Was ist Selbstmitgefühl – und ist das nicht Selbstmitleid? Nein, das ist ein wichtiger Unterschied. Selbstmitleid bedeutet, sich in den eigenen Problemen zu verlieren. Selbstmitgefühl bedeutet, sich in schwierigen Momenten wohlwollend zu begegnen – wie einer guten Freundin. Es macht dich nicht weicher, sondern widerstandsfähiger.

Mein Partner versteht nicht, warum ich plötzlich Grenzen setze. Was tun? Das ist normal und braucht Dialog. Laureen empfiehlt: Setz dich mit deinem Partner zusammen und erkläre offen, wie es dir geht. Die meisten Menschen reagieren dankbar auf Orientierung – sie wussten oft einfach nicht, dass sie deine Grenzen überschritten haben.


Quellen

Podcast abonnieren

Leicht Dein Abnehm-Kompass

Verabschiede dich vom Diätfrust: Entdecke eine Lösung, die funktioniert – dauerhaft, stressfrei und in deinem Tempo.

Instagram

Folgst du uns schon auf Instagram? Verpasse jetzt keine spannenden Tipps und News mehr…